Aufstocken, Anbauen, Einbauen mit Holz in der Stadt

Aufstockung Via Sassari Catania © Salvatore Gozzo

Immer mehr Menschen leben in Städten, der Platz wird knapp. Baulücken, Hinterhöfe, Dächer werden als Bauflächen interessant. Nachverdichtung lautet das Zauberwort und oft ist Holz das Baumaterial der Wahl.

In Wien werden bis 2030 um 16 Prozent mehr Menschen wohnen als jetzt. 27 Prozent des Wohnungsbedarfs sollen laut Stadtentwicklungsplan (STEP 2025) aus der Weiterentwicklung des Gebäudebestands und 10 Prozent aus Umbauten und geänderten Nutzungen gedeckt werden. Die Zukunft des Bauens besteht also zu einem beträchtlichen Teil aus dem Um- und Weiterbauen von dem, was schon da ist. Egal ob Anbauen, Aufstocken oder Lücken füllen - in der städtischen Nachverdichtung sind passgenaue, maßgeschneiderte Lösungen gefragt. Zudem stellt das Bauen auf engstem Raum in der Stadt spezielle Anforderungen an den Bauprozess.

Dichter bauen mit Holz

Holz bringt ideale Voraussetzungen für die neuen, urbanen Bauaufgaben mit sich: Es ist leicht, was insbesondere hinsichtlich der oft geringen statischen Reserven des Bestands von Bedeutung ist. Es erlaubt hohe Präzision durch einen hohen Vorfertigungsgrad. Und es gewährleistet - ebenfalls aufgrund der weitgehenden Vorfertigung im Werk - kurze Bauzeiten vor Ort. Diese wirken sich mit geringeren Lärmbelästigungen sowie geringeren Kosten für Baustelleneinrichtungen günstig aus. Nicht zuletzt erfolgt durch die Verwendung des nachwachsenden, CO2-neutralen Baustoffs Holz in der städtischen Nachverdichtung auch eine ökologische Aufwertung der vorhandenen Bausubstanz.

Beispiele aus Wien, Paris, London, Berlin und anderen Städten zeigen wie Holz beim Bebauen von Baulücken, bei Anbauten, Einbauten und Aufstockungen eingesetzt werden kann und wie dadurch attraktive neue Wohn-, Lern- und Arbeitsräume entstehen. 

Hofhaus-Wohnen in Wien


In Mariahilf, einem der am dichtesten bebauten Bezirke Wiens, stand eine verfallene Werkstattbaracke im Hinterhof zum Verkauf. Mit dem Abbruch wäre das Baurecht erloschen, um es zu erhalten kam nur ein stückweises Abtragen und Erneuern des Bestands in den vorhandenen Umrissen in Frage. Die Bauherrin erkannte das Potenzial des Ortes und ließ ein Wohnhaus errichten. Nicht zuletzt aufgrund der schwierigen Baustellensituation (keine direkte Straßenanbindung, winziger Bauplatz) entschloss man sich für eine Holzständerbauweise. Ein vorhandener Baukran am Nachbargrundstück kam für das Versetzen der Elemente wie gerufen. Auf einer mineralisch beschichteten Bodenplatte entstand ein lockeres Gefüge aus schlichten, frei stehenden Wohn-Boxen, die wie die Fas­sade mit vertikalen Lärchenholzleisten bekleidet sind. Die Bereiche zwischen den Boxen sind verglast und können über große Schiebe­flügel geöffnet werden. Ein Dachfenster sorgt zudem über den gesamten Tagesverlauf für ausreichende Belichtung. 

Hofhaus Millergasse
Standort: Millergasse, Wien/A
Bauherr: privat
Architektur: Froetscher Lichtenwagner Architekten, Wien/A
Fertigstellung: 2008

Hinterhof-Wohnen in Paris


Ein 6-geschossiges Bestandsgebäude in der Rue Philippe de Girard im Norden von Paris wurde renoviert und der schmale, lang gestreckte Hinterhof als Baulücke für einen 5-geschossigen Anbau mit 15 Wohnungen genutzt. Bis auf die vertikale Erschließung wurde dieser als Holzrahmenbau ausgeführt. Viele Holzbaufirmen ließen sich von einer Baustelle in der dicht bebauten Stadt abschrecken. Die schlussendlich beauftragte Holzbaufirma mit Sitz südlich von Nantes entschloss sich, die Baustellenlogistik so zu lösen, dass die vorgefertigten Holzpaneele mit Sattelzügen bis zur Stadtgrenze von Paris gebracht und dort auf kleinere Lastwagen, die dann die Baustelle belieferten, umgeladen wurden. Die Sperre der engen Rue Philippe de Girard konnte dadurch auf 1 x 2 Stunden pro Woche begrenzt werden. Die Paneele mit einer Größe von bis zu 3 x 6 Metern wurden durch die auf 2 Geschosse erhöhte Durchfahrt in den Innenhof gebracht. 

Wohnbau Tête en l'air
Standort: 94 Rue Philippe de Girard, Paris/F
Bauherr: Siemp, Paris/F
Architektur: KOZ architectes, Paris/F
Fertigstellung: 2013

Baulücken-Wohnen in Berlin


Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wurde in eine Baulücke ein langes, ­schmales (47,3 x 13 Meter) und bis zu 7 Geschosse hohes Wohngebäude aus Holz eingepasst. Der Bauteil zur Straße hin ist in Holzmassivbauweise mit Brettsperrholzelemen­ten errichtet, der Hinterhoftrakt in Holzrahmenbauweise. Alle Decken sind Holz-Beton-Verbunddecken. Die Vorfertigung ermöglichte eine extrem kurze Bauzeit vor Ort und kam damit den örtlichen Gegebenheiten sehr entgegen: Das sehr ­enge Grundstück und die innerstädtische Situa­tion boten wenig Lagerungsmöglichkeiten und stellten höchste Anforderungen an eine punktgenaue Logistik. Die vorgefertigten Elemente wurden per LKW geliefert und just in time versetzt, wodurch Verkehrsbehinderung und Belästigung der Anrainer gering ge­halten werden konnten. Eine außen liegende, massive und vom Neubau abgerückte Treppen- und Laubenganganlage bewahrt den Charme und die Durchlässigkeit der ehemali­gen Baulücke.

Wohnbau C13
Standort: Christburger Straße 13, Berlin/D
Bauherr: Stiftung Bildung. Werte. Leben., Berlin/D
Architektur: Kaden Klingbeil Architekten, Berlin/D
Fertigstellung: 2013

Lernen im erweiterten Schulbau in London


Die Whitehorse Manor School im Stadtteil Croydon im Süden Londons musste in kurzer Zeit für 420 statt 270 Schüler vergrößert werden. Mit Ein-, Auf- und Anbauten aus Holz wurde eine neue Schullandschaft geschaffen. Der Bestand mit einer Mischung aus viktorianischen Ziegelsteinbauten und Betongebäuden aus den 1950er Jahren sowie später entstandenen Erweiterungen nutzte das relativ kleine Schulgrundstück nicht optimal aus. Die Architekten sahen für die Vergrößerung unter anderem einen neuen Klassentrakt in Form einer Aufstockung sowie eine Dachlandschaft, die die vorhandenen viktorianischen Giebeldächer in unterschiedlichen Höhen und Größen weiterführt, vor. Die Möglichkeit der Vorfertigung sprach für das Baumaterial Holz und erlaubte es, den knappen Zeitplan einzuhalten. Der dominierende Einsatz von Holz tritt im Inneren zutage. Verkleidungen aus Birkensperrholzplatten an Wand und Dach sorgen für eine gute Akustik sowie für ein einheitliches Erscheinungsbild der neu gestalteten Schule. Um die ursprünglich voneinander getrennten Gebäude zu einer Einheit zu verbinden und die Bedeutung der Schule hervorzuheben, wurde der Neubautrakt straßenseitig mit einer Fassade in Goldkupfer verkleidet.

Whitehorse Manor School
Standort: Whitehorse Road, Thornton Heath, Croyden/UK
Bauherr: Pegasus Academy Trust, London/UK & London Borough of Croydon, Croydon/UK
Architektur: Hayhurst & Co., London/UK
Fertigstellung: 2011, 2014

Arbeiten in der Industriehalle in Reggio Emilia


Eine aufgelassene Maschinenbauwerkstätte in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia wurde zum Sitz des Tecnopolo, eines Technologiezentrums für universitäre Forschung. Die Halle aus Stahl und Ziegel wurde saniert, mit Einbauten aus Holz wurden neue Räume innerhalb der Originalform geschaffen. Die Leichtigkeit des Materials, der Kontrast zur umgebenden Stahlkonstruktion, die hohe Baugeschwindigkeit und die angenehme Raumatmosphäre sprachen für die Verwendung von Holz. Die Holz-Einbauten wurden teils in Brettsperrholz und teils in mit OSB- und Gipskartonplatten beplankten sowie akustisch gedämmten Holzrahmenbauwänden errichtet. 

Technologiezentrum Tecnopolo
Standort: Via Sicilia 31, Reggio Emilia/IT
Bauherr: Comune di Reggio Emilia, Reggio Emilia/IT
Architektur: Andrea Oliva Architetto, Reggio Emilia/IT
Fertigstellung: 2013

Aufgestocktes Wohnen in Zürich


Durch Aufstockung des rauti-huus im Züricher Stadtteil Albisrieden wurden 17 neue Wohnungen geschaffen. Der 1948 errichtete Bestandsbau schöpfte mit seinen 4 Vollgeschossen und der zurückgesetzten Attika das zulässige Gesamtvolumen am Standort nicht aus, daher entschloss man sich zur Aufstockung. Allerdings war der Bestand weder belastbar genug, um einfach ein Geschoss hinzuzufügen, noch um die Attika abzutragen und zwei neue Geschosse aufzumauern. So wurde das Gebäude bis einschließlich dem 3. Stockwerk abgetragen und auf dem reduzierten Bestand eine 3-geschossige, leichte Holzkonstruktion aus vorgefertigten Elementen platziert. Das konnte vom existierenden Tragwerk mit einigen technischen Adaptierungen verkraftet werden. Für Holz sprach nicht nur das geringe Gewicht, sondern auch die kurze Bauzeit aufgrund des hohen Vorfertigungsgrads. Der 3-geschossige Aufbau, dessen untere Ebene sich hinter der wiederaufgemauerten Fassade verbirgt und daher von außen nicht erkennbar ist, wurde bei laufendem Betrieb in den bestehenden Stockwerken realisiert. 

rauti-huus
Standort: Rautistrasse 11-13, Zürich/CH
Bauherr: Zurimo "B" Immobilien/UBS Fund Management AG, Basel/CH
Architektur: spillmann echsle architekten, Zürich/CH
Fertigstellung: 2015

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