Immer höher, immer größer

Moholt 50/50 in Trondheim, Norwegen © MDH Arkitekter

Bauen mit Holz geht auch in großem Stil: In den Städten weltweit entstehen Wohnbauten, Bürotürme, Hochhäuer aus Holz - vielfach mit Knowhow und Bauteilen aus Österreich.

Die Rekordmeldungen zu immer noch höheren Häusern aus Holz überschlagen sich, Wien hat mit dem HoHo grad weltweit die Nase vorn. Hoch allein ist noch kein Qualitätskriterium, aber Hochhäuser aus Holz zeigen doch eine gänzlich neue Bauentwicklung an, bei der das Holzland Österreich kräftig mitmischt.

In Heilbronn entsteht mit dem 10-geschossigen SKAIO gerade Deutschlands erstes Hochhaus aus Holz. Die Schweiz hat mit dem ebenfalls 10-geschossigen Suurstoffi 22 in Risch Rotkreuz ihr erstes Holzhochhaus soeben fertiggestellt und werkelt in unmittelbarer Nachbarschaft schon an einem 15-Geschosser aus Holz, in den die Hochschule Luzern einziehen wird. Österreich erhält mit dem HoHo, das gerade 24 Stockwerke hoch in Wien Aspern in den Himmel wächst, das vorläufig höchste Holzhaus der Welt. 

Begonnen hat alles vor gut 10 Jahren, seither jagt ein Höhenrekord den anderen und das traditionelle Baumaterial Holz, das man eher mit Almhütten oder kuscheligen Landhäusern in Verbindung bringt, macht Karriere als Hightech-Baustoff in den Städten.

2008: Das erste Hochhaus aus Holz

Zunächst entstand 2008 in Berlin das erste 7-geschossige Stadtwohnhaus aus Holz in Mitteleuropa, das e3. Mit Verkleidungen aus Gipsfaserplatten an den Holzstützen und -wänden wurde den hohen Brandschutzanforderungen entsprochen und eine Baugenehmigung erwirkt. Denn Holz als tragendes Baumaterial war in Deutschland eigentlich nur für deutlich niedrigere Bauten zugelassen.

Anders die Situation in Großbritannien: Dort entstand gleichzeitig das weltweit erste Hochhaus aus Holz. Der 9-stöckige Wohnbau Murray Grove im Londoner Stadtteil Hackney besteht bis auf das betonierte Sockelgeschoss ganz aus Holz. Der Brandschutz war kein Hindernis, weil es in Großbritannien keine spezifischen Brandschutzanforderungen und Höhenbegrenzungen abhängig vom Baustoff gibt. Und den allgemein geforderteren Brandwiderstand nachzuweisen, war für den Holzbau kein Problem. Die Bauteile müssen einem Brand eine bestimmte Zeit widerstehen, ohne ihre Funktion zu verlieren. Holz ist zwar ein brennbares Material, aber es behält lange seine Tragfähigkeit. Die an den Außenseiten entstehende Kohleschicht schützt das darunterliegende Holz, so dass es im Kern unbeschädigt bleibt.

2011: Der leichte und klimaschonende Baustoff im Höhenflug

2011 folgte im Londoner Hackney, dessen Planungsbehörde sich sehr für die Reduktion von CO2 und die Verwendung ökologischer Baustoffe engagierte, ein 8-geschossiges Wohnhaus aus Holz. Nicht nur der Klimaschutz, sondern eine Reihe weiterer Gründe sprachen für die Errichtung von Bridport House in Holz: Der Neubau sollte einen alten Wohnblock ersetzen und mehr Wohnraum auf gleicher Grundfläche schaffen. Direkt unter dem Bau verläuft einer der größten Abwasserkanäle Londons, einen wesentlich schwereren Bau als zuvor auf das Grundstück zu setzen, war also ausgeschlossen. Mit Holz konnte die Höhe des Gebäudes und damit auch die Zahl der Wohnungen verdoppelt werden, während sich das Gesamtgewicht nur um 10 Prozent erhöhte. 

In Deutschland ging es einstweilen mit dem 8-geschossigen Wohn- und Bürogebäude H8 in Bad Aibling weiter nach oben. H8 entstand im Rahmen eines Pilotprojekts für einen emissionsfreien Stadtteil.

Auch in Skandinavien begannen die Holzbauten höher zu werden. So entstand etwa in Sola mit dem 7-geschossigen Wohnbau Skadbergbakken der bis zu diesem Zeitpunkt höchste Holzbau Norwegens.

2012: Schiffladungen aus Österreich nach Übersee für ersten 10-Geschosser

2012 lieferte Melbourne mit dem 10-geschossigen Holzwohnbau Forté Living einen neuen Höhenrekord. Dass ausgerechnet Australien, das bislang völlig unerfahren im mehrgeschossigen Bauen mit Holz war, plötzlich im Höhenranking mitmischte, war erstaunlich, kam aber zugleich auch nicht von ungefähr. Zum einen verschrieb sich die zweitgrößte Stadt Australiens seit Jahren der Nachhaltigkeit. Melbourne wollte einen CO2-Fußabdruck von Null erreichen. Durch das Baumaterial Holz konnten bei der Errichtung von Forté Living im Gegensatz zu einem Gebäude aus Stahl oder Beton 1.400 Tonnen CO2 eingespart werden. Zum anderen importierte man das nötige Holzbau-Knowhow und die Bauteile aus Österreich. 760 Holzpanele wurden per Schiff aus Österreich angeliefert. Trotz des Transportwegs stimmte die CO2-Bilanz.

Exkurs: Bautechnologieführer Österreich

Österreich war - und ist bis heute - der internationale Technologieführer im modernen Holzbau. Auch die zuvor entstandenen 7-, 8- oder 9-geschossigen Holzgebäude in Großbritannien und Norwegen wurden mit Holzbauteilen made in Austria, konkret mit Brettsperrholz, gebaut. Brettsperrholz ist ein flächiges Holzprodukt aus mehreren kreuzweise übereinandergelegten und miteinander verleimten Holzlagen. Die massive Brettsperrholzplatte kann wie eine Stahlbetonplatte eingesetzt werden und hat den Holzbau revolutioniert. Brettsperrholz wurde in Österreich zum industriell gefertigten Produkt entwickelt und war der wesentliche Schlüssel zum Einsatz von Holz in tragenden Gebäudestrukturen und damit zum mehrgeschossigen Bauen mit Holz. Die Holzmassivbauweise als neue Art des Bauens mit Holz ist entstanden.

2012: 7 und 8 Stockwerke aus Holz auch in Österreich

2012 entstanden endlich auch im Holzexportland Österreich selbst pionierhafte Mehrgeschosser aus Holz. In Wien wurde mit dem Wohnbau Wagramer Straße erstmals ein 7-Geschosser in Holz gebaut. Es war dies die erste bauliche Umsetzung der Bauordnungs-Techniknovelle von 2007, die den Einsatz von Holz im mehrgeschossigen Wohnbau der Gebäudeklasse 5, d.h. bis zu maximal 7 Geschosse, ermöglichte. Allerdings waren in Österreich ähnlich wie in Deutschland besondere Brandschutzauflagen zu erfüllen. Für den Wohnbau Wagramer Straße wurden daher eigene Bauteilaufbauten entwickelt und im Brandversuch getestet. 

Ebenfalls 2012 wurde am anderen Ende Österreichs in Dornbirn in Vorarlberg das bislang höchste Holzgebäude der Alpenrepublik fertiggestellt, der 8-geschossige Büroturm LCT One. LCT steht für Life Cycle Tower. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurde ein innovatives ressourcenschonendes und energiesparendes Bausystem basierend auf Holz entwickelt, mit dem bis zu 20 Baugeschosse möglich sind. Das System kombiniert Holz mit einer verstärkenden Betonstruktur. Die Holz-Beton-Hybridbauweise, in der der LCT One errichtet ist, hat viele Vorteile, unter anderem besonders schnelles Bauen. Der Rohbau des LCT One stand in nur 8 Tagen. Die vorgefertigten Komponenten des Baukastensystems mussten auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden.

2013: Mega-Holzbaustelle in Italien

2013 befand sich die größte Holzbaustelle der Welt in Italien. In der Via Cenni in Mailand wurden 4 Holzwohnbauten mit jeweils 9 Geschossen errichtet. Wieder kam die Holzmassivbauweise unter Zuhilfenahme von Knowhow und Brettsperrholz aus Österreich zum Einsatz. Seit 2011 gibt es in Italien so wie in Großbritannien keine Höhenbeschränkungen mehr für Holzbauten. Auch in punkto Brandschutz gibt es keine Sonderbestimmungen.

2015: Neuer Höhenrekord mit 14 Stockwerken

2015 wurde mit dem Wohnbau Banyan Wharf Londons erster 10-Geschosser aus Holz fertiggestellt, wiederum im Stadtteil Hackney, der damit endgültig zu einer Art internationalem Brettsperrholzzentrum wurde, und wiederum mit rot-weiß-rotem Zutun.

Im norwegischen Bergen entstand zeitgleich der Wohnbau Treet, der mit 14 Geschossen den neuen Höhenrekord für sich beanspruchte. Hier wählte man im norwegischen Alleingang eine etwas andere Bauweise. Vorgefertigte Holzmodule wurden übereinandergestapelt, eine Holzrahmenkonstruktion aus Leimholz sorgt für die nötige Stabilität und jedes 5. Stockwerk ist mit einer Betonplatte verstärkt, um die statischen Eigenschaften des Bauwerks zu verbessern.

Ein Jahr später, 2016, wurde in Trondheim in Norwegen wieder ein 9-geschossiger Holzmassivbau mit Brettsperrholz aus Österreich fertiggestellt, das Studentenwohnheim Moholt 50/50.  

2017: 18 Geschosse aus Holz

2017 folgte ein Jahr mit wieder neuen Rekorden. Einmal mehr machte das Londoner Hackney auf sich aufmerksam. Der Wohnbau Dalston Lane ist mit mehreren Gebäudeteilen, der höchste davon 10-geschossig, hinsichtlich seines Gesamtvolumens wohl der größte Holzmassivbau der Welt. Das Gesamtkonstrukt wiegt gerade einmal ein Fünftel eines Betonbaus in gleicher Größe. Dadurch konnte höher gebaut werden, als auf dem Grundstück jemals für möglich erachtet wurde.

Das höchste Holz-Hochhaus weltweit steht seit 2017 in Vancouver in Kanada. Das Studentenwohnheim UBC Brock Commons misst 18 Stockwerke. Wenngleich hier keine Holzbauteile aus Österreich herangeschifft wurden, hat man doch auf die Expertise aus dem führenden Holzbauland vertraut. Hermann Kaufmann, heimischer Holzbaupionier und Architekt des LCT One, stand bei dem Bau, dessen Tragkonstruktion aus Brettschichtholzstützen und Brettsperrholzdecken mit Stahlverbindern besteht, beratend zur Seite. 

Demnächst: 24 Stockwerke in Wien

Lange wird UBC Brock Commons den Titel "Höchstes Holzhaus" freilich nicht tragen, wächst doch in Wien gerade das 24-geschossige HoHo in die Höhe, womit Österreich den Höhenrekord zu sich nach Hause holen wird. Für wie lange ist ungewiss. Denn der Holzbau wird nicht aufzuhalten sein. Er wird immer größer, immer höher und erobert die Städte. Tatsächlich spricht vieles für Holz. Holz ist leicht, Flächenpotentiale durch Verdichtung und Aufstockung können mit Holz besser ausgenutzt werden. Bauen mit Holz geht dank hohem Vorfertigungsgrad sehr schnell und ist äußerst präzise, die Lärm- und Schmutzbelastung durch die Baustellen ist kurz. Bei Wärmedämmung, Schall- und Brandschutz weist Holz inzwischen keine Nachteile gegenüber anderen Baumaterialien mehr auf. Vor allem aber punktet Holz als nachwachsender und klimaschonender Baustoff: Mit Holz kann es gelingen, trotz des hohen Baubedarfs in den Städten die Treibhausgasemissionen - für die das Bauwesen insgesamt zu mehr als einem Drittel verantwortlich ist - deutlich zu reduzieren.

HochhausHolz in der StadtHoHoBrettsperrholzHolzmassivbauweiseHolz-Beton-Hybridbauweise